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aß er der Frau des Gemeindesekretars die schone Alba Nardini vorzog, mußte der junge Tenor Nello Gennari mit dem Leben bußen. Frau Camuzzi hatte geschickt gehandelt; niemand ahnte, sie sei es gewesen, die Alba auf die Frau des Schneiders eifersuchtig gemacht und sie in solchen Wahnsinn getrieben hatte, daß sie den Geliebten und sich erstach. Ungefahrdet hatte sie weiterleben konnen. Vier Wochen spater aber verschwand sie aus der kleinen Stadt.
Von Florenz schrieb sie ihrem Gatten, daß sie den Gedanken nicht langer habe ertragen konnen, sie solle an seiner Seite altern. Denn er habe keinen Ehrgeiz. Statt sich in die Politik zu werfen, zu handeln, zu steigen, statt seiner Frau, die nach ihnen lechze, die Hohen der Welt zu erschließen, halte er sie nieder, lasse sie verkummern im Dunstkreis seiner tragen Skepsis; und die Macht in der Stadt behalte ein Marktheld wie der Advokat Belotti. Noch sei sie jung; und so habe sie denn auf eigene Verantwortung den Schritt getan, den er sie nicht habe fuhren wollen. Als Geliebte des beruhmten Kunstlers Cavaliere Giordano trete sie in die große Welt ein, der sie sich gewachsen fuhle. Mit vollem Bewußtsein habe sie sich ihr Schicksal geschaffen. Camuzzi solle nicht versuchen, sie zu hindern, es ware unnutz.
Die Wahrheit war, daß sie sich dem alten Giordano nicht aus Ehrgeiz hingegeben hatte, sondern im Dienst ihrer Rache an Nello Gennari, und daß sie es schon getan hatte, als er in der kleinen Stadt weilte. Ein ahnungsloses Wort des alten Sangers hatte das Mißverstandnis zerreißen konnen, dem der junge erliegen sollte. Darum behielt Frau Camuzzi ihn bei sich im Zimmer, bis endlich die ganze Operntruppe von dannen war und Nello sich im Hause des Schneiders verborgen hatte, unwissend, daß er nicht bestimmt sei, mit Alba zu fliehen, vielmehr mit ihr zu sterben . . . Nun aber waren sie fort, die Komodianten. Die kleine Stadt, die dank ihnen kurze Zeit ein gesteigertes Lebensgefuhl gekannt hatte, fiel zuruck in um so grauere Nuchternheit, und Frau Camuzzi hinter ihren verschlossenen Fensterladen litt die Qualen der lebendig Begrabenen. Sie hatte sich gezeigt, wer sie war und was sie vermochte. Dort oben in der steinigen Erde des Friedhofes lagen zwei, deren Verhangnis, allen unbekannt, sie gewesen war. Im Bewußtsein ihrer entsetzlichen Macht saß sie stundenlang reglos auf ihrem Bett, die Augen in den großen schwarzen Augen, die aus dem Spiegel starrten. Plotzlich aber druckte sie sie ins Kissen, krummte sich ganz zusammen und erstickte ihr Stohnen. Denn ihre Macht war Ohnmacht gewesen: sie hatte nicht machen konnen, daß Nello sie liebte! Jene beiden verhohnten sie noch aus dem Grabe. Nachts horte sie ihre Stimmen; sie sprachen von Umarmungen, die sie ihr stahlen. ,Nello, ich tote dich!" — ,Das hast du schon getan. Was kannst du noch! Ich liebe Alba." Dann, Gesicht und Hals naß von Tranen, erwachte sie, und neben ihr atmete wohlig dieser Mann, dem es gut ging, da er sein Leben lang Gemeindesekretar und ihr Gatte zu sein dachte. Das nicht, das nicht! — und eines Morgens in der Dammerung bestieg sie drunten am Stadttor ein Wagelchen, weil fur solch eine kleine Stadt beides zu groß gewesen war, ihre Tat und ihre Liebe.
Der Gemeindesekretar in seiner tiefen Ueberzeugung, daß die Welt trotz aller menschlichen Anstrengungen doch immer am selben Fleck bleibe und eigentlich nichts geschehe, war sehr erstaunt, als ihm seine Frau durchging. Er machte die Reise nach Florenz, bestellte sie in ein Cafe, und sie kam auch, denn sie kannte ihn. Er sagte ihr nichts, was ein maßvoller und klarsichtiger Mann nicht sagen konnte. Er wollte sie an keine Empfindung erinnern, die sie daheim zuruckhalten konne. Kinder seien nun einmal nicht da, und fur sich selbst bitte er nicht. Aber sie sollte ihre eigenen Chancen erwagen. Die seien nicht groß, denn sie kenne die Welt nicht, sei, was sie sich auch einbilde, eine Kleinstadterin und auch nicht schon genug fur das, was sie vorhabe, nicht von der verfuhrerischen, den Mann herabziehenden Schonheit, die solchen Frauen zum Erfolg verhelfe.
,Aber jene haben keinen Verstand, und ich weiß, was ich will. Uebrigens bleibt mir keine Wahl, denn bei dir kann ich nicht langer leben."
Der Gatte gab zu, daß man mit dieser Tatsache rechnen musse. Er halte sie fur krank, werde dies zu Hause angeben und ihre Ruckkehr innerhalb der nachsten acht Wochen in Aussicht stellen. Sie sei ihm stets willkommen; Gewalt und Skandal lagen nicht in seiner Absicht. Romantische Einflusse trugen wohl die Schuld an allem, wiederholte er mehrmals; und er nannte sogar den Namen Nello Gennari, wenn auch ohne unvorsichtige Folgerungen. Er war ein kluger Gatte. Frau Camuzzi, die seiner Einladung nur gefolgt war, weil es nichts zu befurchten gab, haßte ihn, wie er nun fortging, ohne sich aufgeregt zu haben, noch heftiger.
Andererseits war das Zusammenleben mit dem Cavaliere Giordano nicht reich an Reizen. In seinem Hause war der Aufenthalt einer Frau nicht vorgesehen. Die Zimmer glichen Ausstellungen von Porzellan und Goldwaren; unter jeder Vase, jedem Schrein eine Tafel: ,Von Seiner Majestat dem Kaiser von Rußland", ,Von der Stadt Buenos Aires"; und in seinem Schlafzimmer hingen die alten goldenen Kranze, ,Vom Maestro Rossini", ,Von Madame Ratazzi", uber allen Wanden und bis auf das Bett des alten Sangers; dies Prunkbett, mit rotem Damast zwischen den vergoldeten Schnitzereien, war ein Geschenk der Kaiserin Eugenie. Frau Camuzzi saß des Abends mit ihm im Cafe, als einzige Frau unter seinen Freunden. Wenn alle anderen fort waren, blieben sie beide noch sitzen; der Alte wartete auf den Schlaf, und sie spielten Domino.
Er blies sich auf, so oft er mit ihr durch die Straßen ging. Die Gruße nahm er mit bedeutsamem Lacheln an, und auf Gluckwunsche entgegnete er:
,Man sieht wohl, der Ruhm ist nicht eitel. Wir beruhmten Manner haben vor euch andern dennoch etwas voraus; denn in einem Alter, wo Schonheit und Kraft nicht mehr fur uns werben, ist es unser großer Name, der eine Frau von weitem herbeizieht. Dies Geschopf ware zugrunde gegangen ohne mich."
Sie hatte es ihm gesagt, und er war uberzeugt davon. Geschmeichelt durch die Macht, die ihm, so spat noch, uber ein Leben gegeben war, faßte er eine wahre Zuneigung fur die junge Frau. Vor dem Schlafengehen, wenn er sie schon auf die Stirn gekußt hatte, behielt er manchmal noch vaterlich und gedemutigt zugleich, ihre Hand in der seinen. Warum hatte er sie nicht fruher gekannt, als er einer Frau mehr zu sein vermochte als heute! Freilich wurde er damals den Wert einer Liebe wie der ihren vielleicht nicht verstanden haben. Das Leben war grausam, man mußte auf Gott hoffen . . . Um so freigebiger kam er allen Wunschen seiner Freundin zuvor. Man begann, wo sie voruberfuhr, nach dem Namen dieser eleganten Frau zu fragen. Der alte Sanger sah sich nach einer Villa um, die er ihr zu schenken dachte. Denn sein Haus hatte er als Museum seines Ruhmes der Stadt vermacht.
Dies alles aber war nicht geeignet, dem jungen Gino zu gefallen, einem liebenswurdigen Bummler, der neben dem Spiel und den kleinen Geschenken der Frauen mit nichts so sehr rechnete wie mit der offenen Hand seines Onkels, des Cavaliere Giordano. Die hubsche Intrigantin, die sich bei dem armen Alten eingenistet hatte, mochte ihm, Gino, immerhin suße Augen machen, das hinderte nicht, daß er sich bedroht fuhlte. Was wollte sie? Den Alten heiraten? Oder ihn selbst, den gesetzlichen Erben? Manchmal verliebte er sich fur einen Abend; und manchmal verfolgte er das Ziel, sie zu verfuhren und sich von seinem Onkel mit ihr erwischen zu lassen. Frau Camuzzi selbst erloste ihn aus seinen Zweifeln. Die Erbschaft des Sangers schien ihr nicht bedeutend genug, um ihretwegen die Laufbahn, der sie sich bestimmte, mit einem Skandal zu eroffnen. Eines Nachmittags, als der Alte schlief, rief sie den Neffen in ihr Zimmer. Die roten Vorhange belebten ihre Haut, ihre Matinee war kleidsam; der junge Mann zeigte sich angeregt, sie hatte Muhe, ihn an den Ernst des Lebens zu erinnern. Ihre Interessen widersprechen sich gar nicht. — Nein, erwiderte er, denn er werde glucklich sein, sie zufrieden zu sehen, sogar auf seine Kosten.
,Das ist eine unvorsichtige Aeußerung. Aber es ist, als sei sie nicht getan, denn von mir haben Sie nichts zu furchten, ich werde Florenz bald verlassen haben."
Und auf seine enttauschten Ausrufe:
on
ISBN: 1230000156172
Published: 30th July 2013
Format: ePUB
Language: English
Publisher: Lost Leaf Publications
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