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Erstes Buch
1
Einige Ordonnanzen, die die Treppe emporeilten, blieben plotzlich wie angewurzelt stehen, ein junger ordenglitzernder Hauptmann mit rosigen Wangen, eben im Begriff sich zu schneuzen, verbarg in außerster Hast das Taschentuch, und nur einem Drillichkittel gelang es noch im letzten Augenblick, in die Portierloge zu entkommen: oben auf der Treppe leuchtete der hellrote Mantelaufschlag eines Generals.
Mit breitem Steingesicht, den Blick verborgen in den grauen Augenhohlen, die massige Gestalt von schweren Gedanken eingehullt, stieg der General v. Hecht-Babenberg langsam und ohne jede Eile die breite Granittreppe zum Foyer hinab. Die Augen der angewurzelten Ordonnanzen folgten ruckweise jedem seiner Schritte, der junge ordenglitzernde Hauptmann mit den rosigen Wangen erstarrte in seiner Verbeugung.
Der General nahm nicht die geringste Notiz von ihnen. Ganz Kalte, ganz Wurde, ganz Sammlung schritt er zwischen ihnen hindurch. Seine Lackstiefel blitzten, und ein feiner Parfumgeruch blieb hinter ihm zuruck.
In diesem Augenblick sturzte der Portier aus seiner Loge und uberreichte dem General einen Brief.
,Soeben abgegeben, Euer Exzellenz!"
Zogernd trat der General unter die Bogenlampe, die aus der Decke des Foyers herabhing. Der Umschlag des Briefes, dunn, ein ungewohnliches, giftiges Hellgrun, mißfiel, die Schrift. Er drehte den Brief mißtrauisch zwischen den Fingerspitzen. Ganz offenbar empfand er es als eine Verletzung der Achtung, die man seinem Range schuldete, ihm einen Brief von derart geschmackloser, ja unangenehmer Farbung zu senden. Die Stirn zuckte. Ohne Absender, eilt, personlich —
Dann aber fuhr er entschlossen in den Pelz, unter den hellroten Aufschlag, und holte den goldenen Kneifer hervor. Eine feine Ziegelrote uberzog langsam das breite Steingesicht, den Hals, der aus dem gestickten Kragen hervorquoll, das knorpelige, große Ohr — er faltete den Brief zusammen und schob ihn unwillig in die Manteltasche.
,Wer hat den Brief —?"
,Ein Herr, ein alterer Mann — soeben —", stammelte der Portier und schwankte besturzt auf den dunnen Beinen.
Der Portier, ein alter Mann, Veteran von 1870, allerlei Munzen und Medaillen auf der Brust, kannte seine Leute. Schon an der Art, wie Exzellenz den Brief zwischen den Fingerspitzen drehte, hatte er erkannt, daß Exzellenz ungehalten waren. Aber dieser altere Herr hatte solange auf ihn eingeredet — sein einziger Sohn — eine Audienz, hm — sogar eine Zigarre — und schließlich war es ja nur ein Brief, richtig adressiert, wie taglich Dutzende in seiner Loge abgegeben wurden.
,Ein alterer, etwas kleiner Herr, Euer Exzellenz. Vor zehn Minuten. Er ist schon ofter hier gewesen und fragte nach Euer Exzellenz."
,Öfter hier gewesen?"
,Ja, schon einigemal — und — ah, ah: da ist er ja — an der Ture!" rief der Portier plotzlich erleichtert aus.
Ein kleines Gesicht von glanzender, stahlblauer Blasse, wie blauer Schnee, hatte sich in diesem Augenblick der Scheibe der Ture genahert, vorsichtig, spahend. Eine Larve eigentlich, kein Gesicht, eine faustgroße Larve mit Gramfurchen und blinkenden Augen.
Der General drehte den Kopf — aber sofort prallte das kleine blaue Gesicht wieder von der Scheibe zuruck. Ein steifer Hut, ein Havelock verschwanden in der tiefblauen Dammerung.
,Da — nun lauft er." Der Portier murmelte argerlich vor sich hin und warf das Gewicht seines hageren Korpers gegen die schwere Ture. ,Und mir macht er Scherereien. So sind sie!"
Ganz Kalte, ganz Wurde und Sammlung schritt der General die Granitstufen hinab, ohne einen Blick auf die Straße zu werfen. Ungeduldig surrte der Motor der grauen Limousine.
Der Wagenschlag klappte, der Portier machte seinen gewohnten tiefen Buckling, und die Limousine flog dahin.
Der General vergrub das Kinn in den Pelz.
,Dieser Schurke!" dachte er und das Steingesicht zitterte. ,Aber es sieht ihm ahnlich!"
Die Augen in den tiefen Hohlen sprangen auf — hier im dunkeln Wagen, wo aufdringliche Blicke ihn nicht belauerten, konnte er getrost die Augen offnen — es waren helle, große Augen, geschliffene Linsen.
An der Ecke des großen roten Amtsgebaudes stand der kleine altere Herr im Havelock und zog den steifen Hut, als der Wagen des Generals voruberjagte. Sein Gesicht, blau wie Schnee, leuchtete, und auch seine Glatze leuchtete blau.
Tiefblau und glanzend wie Stahl sank die Dammerung des nassen Wintertags uber Berlin. Die Scheiben des Autos glanzten, irgend etwas glitzerte hoheitsvoll im Innern —. Da verschlang eine stickige Rauchwolke den Wagen. Augenblicklich aber betrat der Mann im Havelock den Fahrdamm und folgte dem Auto des Generals mit kleinen eiligen Schritten, als ob er es einholen wolle.
Die Limousine flog durch die dammerigen Straßen und uberspulte die Fußganger mit einer Welle von Schneewasser und Schmutz. In dem Luftwirbel zwischen den hinterm Pneus tanzten schmutzige welke Blatter, die aus dem Tiergarten herubergeweht worden waren, und ein Zeitungsblatt, das ein Passant, in der Eile sein Leben in Sicherheit zu bringen, verlor, rollte rasend hinterher. Bei den Kurven pflugten die Hinterreifen breite Schlittenspuren in den klebrigen Schmutz. Die Hupe drohnte, die Marspfeife trillerte. Achtung!
Die fluchtenden Fußganger erblickten nichts als einen Pelz, eine Mutze und, wenn sie Gluck hatten, das leuchtende Rot des Mantelaufschlags. Ein General! Einer von jenen Auserwahlten, die die Schlachten schlagen, von denen die Heeresberichte melden. Die Verwunschungen erstarben auf den Lippen. Eine Ehre, sozusagen eine Ehre, beinahe vom Auto eines Generals uberfahren worden zu sein!
Ecke Wilhelmstraße kroch ein Kruppel in Feldgrau durch den Straßenschmutz, und die Limousine hatte ihn beinahe in Stucke gerissen. Dieser Kruppel schleppte sich an zwei niedrigen Krucken dahin. Sein Ruckgrat war bis zur Erde gekrummt und das zwischen den Krucken hangende Gesicht streifte nahezu den Schmutz der Straße. Er bewegte sich nur langsam vorwarts, indem er Kruckstock vor Kruckstock setzte, er ging auf den Knien und schleifte die verstummelten Fußstumpen hinter sich her. Wie ein Hund, dem man die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, schob er sich dahin. Wahrend er aber vorwarts kroch, wurde sein ganzer Korper von einem ununterbrochen entsetzenerregenden Zittern geschuttelt.
,Sieh dich vor!" schrie der Chauffeur und bog in der letzten Sekunde aus.
Der Kopf des Kruppels schnellte zwischen die Schultern zuruck, und die mit schweren Nageln beschlagenen Pneus der Limousine uberspulten ihn mit einer Woge von Schmutz. Er blieb auf schwankenden Kruckstocken mitten in der Wilhelmstraße zuruck, und als es ihm gelungen war, das von ewigen Zuckungen geschuttelte Gesicht zu heben, bog die graue Limousine bereits in die Linden ein.
Eine Flut von hupfenden Regenschirmen, blendende Pfutzen, zwei stahlblaue Omnibusschimmel, ein Schutzmann und wieder eine Flut von hupfenden Regenschirmen. Eine Stockung. Der Wagen zitterte von den wutenden Schlagen des gedrosselten Motors.
Die Augen des Generals glitten uber die hupfenden Regenschirme dahin, uber die eilenden Schattenwesen mit blauen Gesichtern und blauen Handen — gelangweilt, gleichgultig, ohne Anteilnahme. Obwohl nur getrennt von diesen Wesen durch eine Glasscheibe, waren sie fur den General weltenweit entfernt, weltenweit — diese Menschen mit Regenschirmen, Gummischuhen, Manteln, Barten, Brillen . . . Sie erschienen gewissermaßen unwirklich! Sie waren Chaos, Masse — garend von sonderbaren, eigenwilligen Gedanken und unnutzen, gefahrlichen Trieben. Sinnlos ihr Tun, unverstandlich. Ohne Ideale, hohe Ziele, Hunger, Sinnendurst, Geld — ohne Zweck und Sinn. Unverstandlich. Nichts als rohe Masse, die die Berufenen willkurlich formten, das große Reservoir, aus dem die Erkorenen schopften nach ihrem Gutdunken.
Die Welt des Generals war bevolkert von Wesen, die in Uniformen gekleidet waren und mit einer Salve ins Grab gelegt wurden. Diese Wesen bewegten sich nach bestimmten unverruckbaren Gesetzen. Sie kamen in breiten langen Kolonnen einher wie die Brandung des Meeres, oder sie standen still in Reih und Glied, zu Tausenden gestaffelt, wie aus Stein. Ein Gebirge. Sie waren ohne eigenes Leben, ohne eigene Gedanken, ohne Namen, ohne Gesichter, ohne Seele, von wenigen Auserwahlten in Bewegung gesetzt und mit Leben und Geist erfullt. Sie waren mit einem Wort Soldaten, Werkzeug in der Hand der Starken dieser Erde, die das Rad der Weltgeschichte bewegten. Zuweilen fluteten unubersehbare Heerscharen, alle im gleichen Schritt, durch seinen Kopf. Armeekorps, die wie ein Bataillon in fehlerloser Geschlossenheit schwenkten, nach rechts, nach links, um zu erstarren, wenn die Gedanken des Generals es wollten. Zuweilen sah der General die ganze Erde davon erfullt. Ungeheure Menschenwellen walzten sich quer durch Europa und ergossen sich in der Breite des Urals in die endlosen Steppen Sibiriens. Eine Blutwelle in den Gehirnwindungen des Generals ließ sie auferstehen und versinken . . .
Weiter! Die Gange krachten, und wieder flog die Limousine dahin. Hagelkorner prasselten gegen die Scheiben.
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ISBN: 1230000156162
Published: 30th July 2013
Format: ePUB
Language: English
Publisher: Lost Leaf Publications
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